Abgehört

»Du willst wirklich zu Hause bleiben, Paps?«, erkundigte sich der junge Mann, der mit seiner Mutter bereits an der Haustür stand.

»Aber ja doch! Geht ihr nur alleine. Ich weiß, du möchtest deinen alten Eltern eine Freude machen und die Karten müssen ein Vermögen gekostet haben. Ich fühle mich tatsächlich nicht gut, und es nutzt niemandem etwas, wenn ich nachher das Foyer vollkotze.« Phillipp Kohler liebte Marco, und er freute sich sehr über das Geschenk, dass ihm der Sohn zum fünfzigsten Hochzeitstag gemacht hatte: ein Konzert in der Philharmonie. Ein kulturelles Ereignis, das die Familie zu dritt genießen wollte.

Kohlers Frau Christin schaute besorgt. »Wenn es dir nicht gutgeht, bleiben wir alle hier! Ich kann dich doch nicht allein lassen.«

»Auf gar keinen Fall!«, protestierte der Vater. »Ihr genießt den Abend und du erzählst mir später, wie es gewesen ist. Ich werde es mir mit einem Kamillentee vor dem Fernseher gemütlich machen.«

Marco widersprach eher halbherzig. »Mum hat recht. Wir leisten dir gern Gesellschaft, bis es dir wieder besser geht.«

Der Alte schaute dem Sohn tief in die Augen. »Mein lieber Marco, ich weiß doch, wie sehr gerade du die klassische Musik magst. Du willst bestimmt nicht hier sein, wenn mir das Abendessen nochmal hochkommt. Da bietet die Philharmonie eine angenehmere Geräuschkulisse. Also bitte, fahrt los und amüsiert euch. Ich komme zurecht.«

Marco zuckte mit den Schultern. »Na gut! Dann werden Mum und ich das Konzert allein genießen.«

 

Phillipp konnte sich nicht genau erklären, warum ihm so übel war. Er hätte vielleicht den Fleischsalat nicht mehr essen sollen, der stand schon recht lange offen im Kühlschrank. Es widerstrebte ihm, Lebensmittel wegzuwerfen. Inzwischen war sein Magen allerdings wieder leer. Er war noch wacklig auf den Beinen, als er mit der Teetasse zur Fernsehcouch hinüberging und sich setzte. Verdammt! Wo war die Fernbedienung? Sie lag auf der Anrichte. Er wollte sich gerade erheben, da fiel ihm etwas ein. »Alexandra! Mach den Fernseher an!«, rief er in den Raum. Nichts geschah. Kohler runzelte die Stirn, dann hellte sich seine Mine auf: »Alexa! Fernseher einschalten!«

»Schalte Fernseher ein«, erwiderte die freundliche Frauenstimme. »Welchen Sender wünschen Sie zu sehen?«

»Läuft zurzeit irgendwas mit klassischer Musik?«

»Im Kulturkanal wird zu diesem Zeitpunkt eine Mozart Sinfonie ausgestrahlt. Ich wechsle auf den Kanal.«

Na also! Marco arbeitete als Programmierer bei einem dieser großen Onlineversender. Kohler hatte nie verstehen können, warum so viele Leute sich massenweise Waren über das Internet ins Haus bestellten. Vor ein paar Tagen hatte ihm sein Sohn einige technische Spielereien installiert, mit dem er die Beleuchtung und bestimmte Geräte auf Zuruf steuern konnte. Kohler hielt nicht viel davon, fand es aber jetzt gerade sehr angenehm, dass er nicht mehr Aufstehen musste.

Was war das? Ein Geräusch aus dem Schlafzimmer! Er stellte die Tasse ab und ging zurück zum Flur, wo er einen jungen Mann mit Skimaske entdeckte. Der Eindringling war gut einen Kopf größer als Kohler und sah sehr kräftig aus. Bevor er imstande war etwas zu tun oder zu sagen, hatte ihn der Einbrecher überwältigt. »Mach keine Dummheiten, Alterchen, dann passiert dir nichts. Ab geht’s in die Küche.« Mit geschickten Handgriffen fesselte er den Hausherrn mit Kabelbindern an einen Küchenstuhl.

Kohler zitterte am ganzen Körper. »Was wollen Sie hier?«

»Sorry, Alterchen. Ich hab nicht damit gerechnet, dass jemand hier wäre. Solltest du nicht mit der Familie in der Philharmonie sein?«

»Woher wissen Sie …?«

»Oh, du glaubst ja nicht, was man alles erfährt, wenn man nur aufmerksam genug die Profile bei Facebook liest.«

Kohler verfluchte innerlich seinen Sohn, der vermutlich den Hochzeitstag der Eltern irgendwo in dieser sogenannten Timeline festgehalten hatte. Warum mussten die jungen Leute jeden Pups in den sozialen Medien hinausposaunen?

»Gut dass ich die Kabelbinder immer für Notfälle dabeihabe. Aber da du schon mal hier bist: Gibt’s Wertsachen hier im Haus, vielleicht Schmuck?«

»Wieso sollte ich Ihnen das sagen?«

»Na ja, es wäre nett und würde mir Arbeit ersparen. Sonst muss ich hier alles umkrempeln und selbst danach suchen. Wir wollen doch keine Unordnung machen? Oder?«

Kohler fühlte sich inzwischen deutlich stärker. Sein Magengrummeln war wie weggeblasen. Er wusste nicht, ob es am Adrenalin lag, oder an der Wut auf Marco, der diesen Kerl praktisch eingeladen hatte. Er rief nun aus vollem Halse: »Scheren Sie sich zum Teufel. Hilfe! Einbrecher! Polizei! Hmmpf …«

Der Fremde mit der Skimaske hatte ihm blitzschnell den Mund mit Klebeband verschlossen, sodass Kohler verstummte. »Immer gut, wenn man das Nötigste dabeihat.« Er stopfte die Klebebandrolle wieder in seinen Beutel. »Das Haus liegt ja ziemlich abgelegen, da wird man dich wohl kaum gehört haben. Schön durch die Nase atmen. Wenn du keine Luft mehr bekommst, pfeif einfach kurz.« Der Verbrecher tätschelte respektlos die Wange des Alten und wandte sich in Richtung Schlafzimmer. Kohler sah nicht, was er da veranstaltete, es hörte sich an, als ob er alle Schränke und Schubladen leerte.

 

Phillipp musste sich tatsächlich auf die Atmung konzentrieren. Durch sein Geschrei und die Aufregung war ihm etwas schwindelig und er lenkte die Aufmerksamkeit darauf, ruhig und gleichmäßig ein- und auszuatmen. Mehr konnte er in dieser Lage nicht tun. Er hoffte nur, dass er wenigstens mit dem Leben davonkäme. Zumindest hatte der Eindringling die Skimaske nicht abgenommen, also hatte er noch Hoffnung, dass er nach dem Raubzug verschwinden würde. Zwar müsste Kohler die Stimme wiedererkennen, er bezweifelte allerdings, dass der Typ normalerweise so sprach. Vermutlich hatte er sich verstellt, als ihm bewusst wurde, dass jemand im Haus war. Der Einbrecher hatte inzwischen das Schlafzimmer verlassen. Kohler konnte einen kurzen Blick erhaschen, als der Mann an der offenen Küchentür vorbei ins Wohnzimmer ging. Der schwarze Stoffbeutel, den er in der Hand hielt, war mit irgendwas gefüllt. Bestimmt hatte er Christins Schmuckschatulle gefunden.

Gerade kippte der Eindringling den Inhalt einer Schublade aus der Wohnzimmervitrine mit lautem Geklapper aus, als die Wohnungstür aufsprang. »Polizei! Auf den Boden! Sie sind festgenommen!«

 

Als Marco und seine Mutter vom Konzert zurückkamen, standen ein Einsatzwagen der Polizei und ein Notarztwagen mit blinkenden Lichern vor dem Haus.

Frau Kohler wurde kreideweiß. »Oh Gott! Was ist passiert? Es war doch nur eine Magenverstimmung!«

Ein junger Polizeibeamter schritt ihnen entgegen. »Keine Sorge! Es ist niemand verletzt, der Notarzt ist nur zur Sicherheit hier. Sind Sie die Ehefrau und der Sohn?«

»Ja!«, antwortete die Mutter, immer noch schwer atmend vor Aufregung.

»In Ihrem Haus wurde eingebrochen. Das Polizeirevier hat einen automatischen Notruf erhalten. Offenbar hat irgendein schlauer Programmierer so ein Spracheingabe-Gerät missbraucht, um direkt beim Revier anzurufen. Wir haben einen Hilferuf von Ihrem Mann gehört, dann schien jemand etwas in der Wohnung zu suchen. Die Kollegen haben den Telefonanschluss geortet und uns hergeschickt. Die näheren Umstände müssen wir noch untersuchen.«

Frau Kohler schaute ihren Sohn an, dessen Gesicht rot angelaufen war, der aber nun mit einem verschmitzten Lächeln den Kopf schräg legte und die Schultern hob.


Anmerkung des Autors:

Die Idee für diese Kurzgeschichte kam mir, als ich diesen Artikel gelesen hatte:

http://www.berliner-zeitung.de/ratgeber/recht/wie-bei-us-mordfall-alexa-als-zeugin—darf-die-polizei-auf-amazon-echo-zugreifen–26157776

Dazu gibt es auch ein aufschlussreiches Video: https://www.youtube.com/watch?v=0YLaZRpXrt4

2 Kommentare zu „Abgehört“

  1. Bei dir fängt es so harmlos, betulich an und dann wumm, kommt die Spannung und die Lösung. Hat mir gefallen, besonders der Schluss. Ute

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