Grillfest

»Bereitmachen für Aufprall in 30 Sekunden!«, tönte es überall im Schiff. Viele der Systeme waren ausgefallen, und die Kolonisten, die vor zwei Tagen aus dem Tiefschlaferwachten, würden nun eine Notlandung mit den verbleibenden Reservesystemen durchführen. Jeder Handgriff hatte gesessen. Alle waren intensiv geschult worden, für dieses erste Mal, an dem die Erde ein Raumschiff mit Siedlern auf einen unbewohnten Planeten schickte.

»Aufprall in 10, 9, 8, 7, 6 …« die knapp zweihundert Menschen, in Schalensitzen festgeschnallt, spannten unwillkürlich sämtliche Muskeln an. Hoffentlich reichte der Schub der Triebwerke aus, um sie ausreichend abzubremsen, bevor sie auf der Oberfläche aufschlugen.

 

Dreiundfünfzig Jahre später erzählten die ältesten Überlebenden ihren Enkeln die Geschichte von der Ankunft in der neuen Heimat. Man hatte den Planeten für unbewohnt gehalten, weil von seinem Sonnensystem keinerlei Funkkommunikation ausging. Für die Wissenschaftler auf der Erde schien dieser Himmelskörper bestens geeignet, um menschliches Leben zu beherbergen. Tatsächlich war es mehr oder weniger eine Verzweiflungstat, denn ihr Heimatplanet war für Menschen schon längst unbewohnbar geworden. Also schickte man Kolonisten zu fernen Sonnesystemen, die man aus der Entfernung für tauglich hielt. Das Raumschiff war mit fünfhundert ausgewählten, gesunden Erwachsenen gestartet, die man ausnahmslos in Tiefschlaf versetzte. Immerhin dauerte die Reise knapp siebzig Jahre, und der Bordcomputer konnte das Raumfahrzeug autonom steuern. Leider hatte man nicht jedes mögliche Problem voraussehen können, und so kamen nur 186 lebend auf der neuen Welt an. Schließlich ging das Schiff auf einer der großen Wasserflächen herunter, wo es dann recht schnell versank. Der Notauswurf sorgte dafür, dass alle Überlebenden dem sinkenden Sarg entkamen, doch die ganze Technologie war verloren. So gelangten sie innerhalb von mehreren Tagen an Land, und konnten ihre Kolonie mit einfachsten Mitteln aufbauen. In einer Sache hatten sich die Wissenschaftler jedoch geirrt: Dieser Planet war nicht unbewohnt. Kurz nach der Ankunft lernten sie die Ureinwohner kennen, die ihnen bereitwillig halfen und die Verletzten behandelten.

 

»Ist das Essen fertig, Mutter?«, Lorie steckte fröhlich den Kopf zur Tür herein.

»Bald, mein Schatz. Du kannst schon mal deinen Vater rufen und den Tisch decken.« Peggy, die Mutter der Familie, hatte wieder etwas Köstliches gezaubert und die ganze Hütte roch ausgesprochen appetitlich.

Tom Lewis, Peggys Ehemann, betrat die kleine Hütte, die im Wesentlichen aus Brettern bestand, die man aus den baumähnlichen Gewächsen gewann, die in der Umgebung reichlich wuchsen. »Das riecht verführerisch, Liebling! Was gibt es denn heute?«

»Gemüseauflauf mit einem Gulasch aus der letzten Fleischlieferung.«

»Wissen wir eigentlich inzwischen, was das für ein Fleisch ist, dass uns die Ureinwohner bringen?«, wollte Lorie wissen.

Der Vater schüttelte den Kopf. »Nein, das weiß niemand. Aber ich finde es nett, dass uns die Bewohner dieses Planeten so selbstlos unterstützen. Sie kommunizieren zwar nicht mit uns, doch immerhin beliefern sie uns mit allem, was wir brauchen.«

Peggy zog die Stirn in Falten. »Trotzdem sind mir diese Leute irgendwie unheimlich. Warum reden die nicht mit uns?«

»Das haben wir noch nicht herausgefunden. Die Wissenschaftler haben schon vieles versucht. Offenbar sind sie nicht fähig zu sprechen oder sich schriftlich auszudrücken. Sie versorgen die Kranken und kümmern sich um die Toten, wenn mal jemand stirbt.« Tom ließ den Kopf und die Schultern sinken. »Ich wünschte, sie würden sie uns wenigstens begraben lassen.«

Lorie schossen Tränen in die Augen. »Arme Grandma. Sie konnte immer so tolle Geschichten von der Erde erzählen.«

Peggy nahm ihre Tochter in den Arm und strich ihr über das Haar. »Wir vermissen sie alle. Sie war aber schon 83 Jahre alt und hat sehr viel mitgemacht auf ihrer Reise durch den Weltraum. Wahrscheinlich hat ihr Herz irgendwann aufgehört zu schlagen. Das passiert. Da können wir nichts tun.«

Sie setzten sich an den Tisch und aßen schweigend. Dieser Planet war immer noch ein großes Rätsel. Die Ureinwohner schienen alles zu tun, um ihnen den Aufenthalt möglichst angenehm zu machen. Oft fanden die Kolonisten bei Sonnenaufgang einen Stapel frisch geschnittener Bretter und Werkzeuge vor, sodass sie eine neue Hütte bauen konnten. Die Wasserversorgung war durch eine nahe gelegene Quelle gesichert, und die Fremden lieferten Nahrungsmittel, falls die Siedler Probleme bekamen, sich mit dem selbst angebauten Gemüse selbst zu versorgen. In den letzten Jahren hatten die Einwohner sogar eine Art Symbolsprache entwickelt, die sie an ihre Lieferungen wie eine Art Etikett anhefteten. Es gab ein Symbol für Baumaterial, Werkzeug, Nahrung und auch Spielzeug für die Kinder. Offenbar versuchten sie, eine rudimentäre Kommunikation mit den Kolonisten aufzubauen.

 

Die Jahre gingen vorüber, und die Kolonie gedieh prächtig. Eine vernünftige Verständigung mit den Ureinwohnern war immer noch nicht möglich, und sie verhinderten sehr effektiv jeden direkten Kontakt. Wollte jemand die Siedlung verlassen, wurde derjenige zwar sanft, aber mit Nachdruck, zurückgedrängt. An einem Morgen, tauchte wieder eine Lieferung auf. Sie enthielt die üblichen Objekte, aber auch etwas ungewöhnliches: eine Art Plakat, bestehend aus verschiedenen Symbolen.

»Was könnte das bedeuten?« Tom Lewis versuchte, zusammen mit den anwesenden Wissenschaftlern, einen Sinn aus den Zeichen herauszulesen.

Debbie Smith, die betagte Linguistin, strich sich nachdenklich über ihre faltigen Wangen. »Also dieses Piktogramm könnte Einladung heißen. Hier haben wir eindeutig Kinder und Erwachsene. Dort das Symbol für Essen

Lewis schüttelte ungläubig den Kopf. »Eine Einladung zum Essen?«

Anthony Johnson meldete sich zu Wort. Er war der Sohn eines Anthropologen, der die Aufgaben seines Vaters fortführte, nachdem dieser gestorben war. Auch wenn Anthropologie ursprünglich die Evolution des Menschen erforschte, versuchte er, seine Kenntnisse auf die hier ansässigen Einwohner zu übertragen. »Eigentlich ergibt es Sinn! Wir sind vor vielen Jahren in diese Welt eingedrungen, und die hier lebende Spezies hat uns nun lange genug studiert. Es ist also logisch, wenn sie uns näher kennenlernen wollen.«

»Nur, warum die Symbole für Kinder und Erwachsene?«, wollte Lewis wissen.

Johnson runzelte die Stirn. »Ich kann mir vorstellen, dass sie etwas über unsere Art des Familienlebens erfahren wollen. Deshalb laden sie Familien ein.«

»Aber welche? Die Kolonie ist inzwischen recht groß geworden. Fast jeder der ursprünglich überlebenden Menschen hat Nachfahren, und diese haben über die letzten Jahre auch alle Kinder bekommen.«

»Ich denke mal, wir sollten uns einfach darauf gefasst machen, dass man einige auswählen wird.«

»Hat das vielleicht etwas mit den Kristallen zu tun, die in dem Paket mit der Nachricht waren?«

»Vermutlich! Offenbar sollen wir entscheiden, wer von uns zuerst den Kontakt aufnehmen will. Es sind drei Kristalle. Tom, warum nimmst du nicht eines mit nach Hause. Ich bin sicher, deine Frau und Lorie würden gern dabei sein.«

Tom blickte nachdenklich auf das kleine orangefarbene Schmuckstück, das nicht größer war als sein Daumen. »Ja, ich werde das mit Peggy besprechen, aber ich glaube, die Idee ist gut.«

»Wir finden bestimmt noch zwei Familien, die mitmachen wollen«, verkündete die Wissenschaftlerin.

 

Bereits am nächsten Morgen erwachte Tom an einem gänzlich ungewohnten Ort. Die Wände waren vollständig weiß und es gab keinerlei Türen oder Fenster. Er weckte Peggy und Lorie. »Wacht auf! Sie haben uns abgeholt. Ich weiß nicht, wie wir hierhergekommen sind, aber offenbar haben wir in der Nacht irgendwie die Siedlung verlassen.«

Die Tochter blinzelte ungläubig. »Das sieht nicht sonderlich einladend aus. Wo sind wir?«

»Keine Ahnung!« Kaum hatte Tom den Satz beendet, da öffnete sich ein Bereich in der Wand und eine Art Fahrzeug kam hereingeschwebt. Es war mit genau drei Sitzgelegenheiten ausgestattet, also nahmen sie dort Platz, und das Gefährt schwebte mit ihnen durch eine weitere Öffnung ins Freie.

»Super! Wie auf einem Jahrmarkt, den mir Grandma so oft beschrieben hatte«, freute sich Lorie.

Peggy war noch ein wenig verschlafen und gähnte herzhaft. »Jedenfalls wissen die, wie man Leute bequem transportiert. Ich frage mich nur, warum man uns nicht mit so einem Fahrzeug in der Siedlung abgeholt hat.«

Die Fahrt verlief über eine ausgedehnte freie Fläche, an deren Ende ein größeres Gebäude sichtbar war. Direkt daneben saß eine größere Gruppe von Einheimischen im Freien an großen Tischen. Offenbar feierten Sie etwas, denn vor ihnen standen Gläser, Teller und in der Ecke befand sich eine Art Grillvorrichtung. Lorie rief aufgeregt: »Oh! Eine Grillparty, auch davon hat mir Grandma oft erzählt. Ob wir da auch eingeladen sind?«

Bevor jemand antworten konnte, fuhr das Transportmittel durch eine Öffnung in das große Gebäude. Kaum hatten sie die Wand hinter sich gelassen, wurden sie bereits von mechanischen Greifern aus den Sitzen gehoben. Lorie schrie begeistert auf: »Hey! Schaut mal, ich kann fliegen!«

Tom fühlte, dass irgendetwas total falsch lief. Das Gefühl bestätigte sich, als eine große Zange seine Füße erfasste, und er kopfüber in einen dunklen Schacht transportiert wurde. Das scharfe Werkzeug, dass ihm den Kopf vom Körper abtrennte, spürte er schon nicht mehr.

 

»Das war eine hervorragende Idee« sandte die Dame des Hauses telepathisch zu ihrem Gegenüber.

»Nicht wahr! So ein Grillfest ist die ideale Gelegenheit, um unsere neuen Delikatessen zu verkosten. All meine wichtigen Geschäftspartner sind heute anwesend.«, bestätigte ihr Mann, ebenso telepathisch.

Das Kind der Familie schien Bedenken zu haben. »Seid ihr sicher, dass diese Wesen nicht intelligent sind? Dürfen wir sie wirklich essen?«

»Aber Kind! Sie können nicht mal mit uns kommunizieren. Wir versuchen es schon seit mehreren Dekaden, doch es gibt keine Hinweise darauf, dass sie Telepathie beherrschen. Die medizinischen Forschungen an den verstorbenen Exemplaren zeigen, dass sie kein Organ dafür besitzen.«

»Und dennoch bauen sie Behausungen!«

»Ja, das schaffen einige unserer Insekten auch. Deswegen sind sie nicht intelligent. Mach dir nicht so viele Sorgen, Kleines. Sie hatten ja ein gutes Leben.«

Der Schlachtautomat warf die Filetstücke aus, die auf dem Grill landeten. Die ersten Portionen waren inzwischen fertig. Die Dame des Hauses lobte noch einmal die Qualität des Fleisches. »Das müsst ihr probieren! Besonders die Jungen sind extrem zart.«

Ihr Mann, der bereits mit vollen Backen kaute, nickte anerkennend. »Köstlich! Die Feinschmecker-Restaurants werden es uns aus den Händen reißen. Sobald wir die Investition in diese Siedlung erwirtschaftet haben, legen wir gleich zwei neue an. Ich habe mir schon den Pachtvertrag für die beiden Parzellen gesichert.«

1 Kommentar zu „Grillfest“

  1. Gabriele Helbig

    Prima. Da weiß ich wieder, warum ich kein Fleisch aus Massenhaltung und auch sonst sehr wenig tierische Produkte esse.
    Ich wünsche der Geschichte sensible LeserInnen.

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