Der außerirdische Besucher – eine vegane Kurzgeschichte (Teil 3)

Heute erscheint der dritte Teil der Kurzgeschichte, die ich auf insgesamt vier Blogartikel verteile. Den ersten Teil findet ihr hier: Der außerirdische Besucher – eine vegane Kurzgeschichte (Teil 1)

Ich überlegte kurz, wie ich das Prinzip am einfachsten erklären konnte. Schließlich schien er ja bereits über allgemeine Informationen zu verfügen, also entschied ich, meine persönliche Erfahrung einzubringen. »Nun, stellen Sie sich vor, Sie leben auf Ihrem Planeten mit unterschiedlichen Lebewesen zusammen. Sie haben die Wahl, wie Sie sich verpflegen wollen. Entweder, Sie nutzen andere Geschöpfe aus, die Ihnen als Nahrung dienen, oder essen die Pflanzen, die in der Umgebung wachsen.«

»Aber gehört es nicht zur menschlichen Natur, alle Kreaturen zu verwerten, die sich nicht angemessen wehren können?«, wollte Kaminski wissen.

»Ursprünglich schon. Allerdings entwickelt sich die Menschheit ständig weiter. Mittlerweile ist der Bedarf an tierischen Lebensmitteln so groß, dass die Tiere unter extrem quälenden Bedingungen leben. Man trennt Kühe nach der Geburt von ihren Kälbern, weil wir die Milch konsumieren wollen. Hühner werden in engen Käfigen gehalten – wegen der Frühstückseier. Dennoch gibt es inzwischen viele Ersatzprodukte, die sich ebenso gut verwenden lassen.«

»Sie meinen wie dieses Soja-Getränk?« Er zeigte auf die Packung, die ich vor zwei Stunden eingekauft hatte.

»Ganz genau so!«

»Und die Herstellung von Soja ist unproblematisch?«

Da hatte der Besucher einen wunden Punkt getroffen. »Eigentlich schon«, sagte ich, »aber es kommt darauf an, wo das Produkt angebaut wird. Sofern für die Produktion Urwälder abgeholzt werden, geht wertvoller Lebensraum für die dort heimischen Tiere verloren.«

Er hantierte wieder mit seinem Tablet und kräuselte die Stirn. »Denken Sie, dass Veganer eine höher entwickelte Gruppe der Gattung Mensch sind?«

»Wir haben vielleicht einfach größeren Respekt vor dem Leben.«

»Dann sind also Fleischesser die dominante Spezies hier auf der Erde?«

»Na ja, es existieren zwar deutlich mehr Fleischesser als Veganer, doch der Trend geht langsam dazu, weniger Fleisch zu konsumieren, und es gibt inzwischen auch schon viele Vegetarier.«

Er tippte nun hektisch auf dem Gerät herum. »Vegetarier sind Fleischesser auf halbem Weg zum Veganer?«

»Das ist sehr vereinfacht. Vegetarier essen kein Fleisch, aber sie verwenden tierische Produkte.«

»Ihr Menschen seid extrem kompliziert!«

Inzwischen war die Mahlzeit fertig. Ich servierte das Saitanschnitzel mit Naturreis und Brokkoligemüse. Als Dessert gab es probiotischen Sojajoghurt. Man mag sich fragen, ob ein Joghurt nicht gegen das Prinzip der veganen Ernährung verstößt, aber die dort enthaltenen Milchsäurebakterien werden heutzutage aus pflanzlichen Rohstoffen erzeugt. Die Mikroorganismen selbst besitzen kein zentrales Nervensystem, können also keine Schmerzen empfinden, also ist probiotischer Joghurtersatz in Ordnung. An derartige Erzeugnisse muss man sich allerdings erst gewöhnen, denn sie bestehen entweder aus Soja oder Lupineneiweiß. Ich hatte mich nach einer Weile an den Geschmack gewöhnt, nicht jedoch an die exorbitant hohen Preise, und so kaufte ich die süßen Desserts nur selten. »Und, wie hat es Ihnen geschmeckt?«, fragte ich schließlich.

»Sehr gut, dieses Schnitzel ist fast so gut wie ein Schweineschnitzel. Woraus besteht es?«

»Seitan. Das ist ein Eiweißprodukt, das aus Weizen gewonnen wird.«

Kaminski löcherte mich den ganzen Abend mit Fragen über die Ernährungsgewohnheiten der Menschen. Warum viele Übergewicht haben, während andere hungern müssen. Ich bemühte mich, möglichst sachlich zu antworten, und fand es schon etwas peinlich, dass ein Außerirdischer den Eindruck bekommen musste, wir hätten auf der Erde die Ernährungspolitik nicht im Griff. Allerdings hatte er das bestimmt mit seinem schlauen Tablet bereits herausgefunden.

Er verabschiedete sich um kurz vor zehn und fragte, ob er mich am nächsten Tag bei meiner Arbeitsstelle abholen könnte, wenn ich wieder Lebensmittel einkaufte. Er wollte gern einmal selbst miterleben, wie die Menschen ihren täglichen Nahrungsbedarf organisierten. Ich sagte ihm, er solle gegen sechs Uhr abends vor dem Bürogebäude warten, wir würden dann gemeinsam einen Discounter erforschen. Ich brauchte sowieso noch mehr vegane Schnitzel, und wenn Kaminski mich jetzt öfter besuchte, sollte ich besser einen kleinen Vorrat anlegen – oder ich bot ihm morgen Grünkernbratlinge an.

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